Adenauer­allee: Mehr Zeitverlust akzeptabel?

Ja zur Bonner Verkehrswende,
aber durchdacht.

Die Bonner Adenauerallee verläuft in Rheinnähe vom Koblenzer Tor bis zum Bundeskanzlerplatz und stellt für durchschnittlich 21.000 Fahrzeuge täglich eine wichtige innerstädtische Nord-Süd-Achse dar. Sie ist Teil der Bundesstraße 9 und verfügt noch über zwei Fahrspuren mit Schutzstreifen je Fahrtrichtung für Fahrradfahrer.

Sie ist Zubringer zum Bundesviertel und damit auch zum UN-Campus, dem World Conference Center Bonn (WCCB), dem Post Tower und zahlreichen international tätigen Organisationen und Großkonzernen. Neben mehreren Bundesbehörden, dem Museum König und universitären Einrichtungen haben sich auch einige Unternehmen an der Adenauerallee oder in der näheren Umgebung angesiedelt. Insbesondere aus südlicher Richtung kommend stellt sie die kürzeste Verbindung in das Zentrum der Stadt Bonn dar. Aus diesem Grund sind schon heute viele Handwerksbetriebe, Einzelhändler, Unternehmer, Fachkräfte und Kunden auf diese Strecke angewiesen.

Sanierung der Adenauerallee

Die Stadt Bonn plant in diesem Jahr, die Entwässerungsanlagen und die Fahrbahn der Adenauerallee zu sanieren. Aus Sicht der Stadt bedingt die Sanierung der Fahrbahndecke eine Neuaufteilung des Straßenraums, da der heutige Radstreifen nicht mehr den aktuellen Anforderungen an die Regelwerke entspricht. Dies würde zu einer Verbreiterung des Fahrradstreifens und dem Entfall einer Fahrspur je Fahrtrichtung für den motorisierten Verkehr führen. Bevor die Bauarbeiten im Sommer starten, hat der Stadtrat die Durchführung eines Verkehrsversuchs unter den oben beschriebenen Bedingungen beschlossen.

Vorab: Verkehrsversuch mit neuer Aufteilung

Die Stadt Bonn führt im Zeitraum von Februar bis April einen dreimonatigen Verkehrsversuch durch, mit dem die Planung in der Praxis getestet werden soll. Zur Bewertung der Spuraufteilung hat die Stadt Kriterien festgelegt, die für jede Richtung einzeln heranzuziehen sind:

  • „Die durchschnittliche Reisezeit gemittelt über den gesamten Tag vom Bundeskanzlerplatz zum Koblenzer Tor und in Rückrichtung darf nicht mehr als 4 Minuten höher liegen als der Durchschnittswert im Jahr vor dem Verkehrsversuch (gemessen nach Monaten).“
  • „Die Spitzenreisezeit (17 bis 18 Uhr) für die gleiche Strecke darf sich maximal um 8 Minuten im Monatsschnitt verlängern gegenüber dem Vergleichswert zur selben Uhrzeit bei Zweispurigkeit.“

Der Verkehrsversuch wird nach Abschluss ausgewertet und die Ergebnisse fließen in die Detailplanung ein.

Bewertung

Vorfahrt Vernunft steht der geplanten Umverteilung des Verkehrsraums auf der Adenauerallee kritisch gegenüber und befürchtet, dass der motorisierte Wirtschaftsverkehr auf dieser Route über die Maßen beeinträchtigt werden wird. Eine mögliche Fahrzeitverlängerung durch Stau oder Umwege kann zu Arbeitszeitverlusten und höheren Kosten für die Unternehmen führen. Die Stadt Bonn hat als Erfolgskriterium für den Verkehrsversuch definiert, dass sich die einfache Reisezeit zwischen Bundeskanzlerplatz und Koblenzer Tor im Monatsschnitt max. um 4 Minuten verlängern darf, im Zeitraum von 17 bis 18 Uhr max. um 8 Minuten. Bei einer zweimaligen Befahrung der Adenauerallee am Morgen und Nachmittag an 220 Arbeitstagen im Jahr hält die Stadt Bonn somit einen (Arbeits-)Zeitverlust von bis zu 44 Stunden für zumutbar. Zudem werden etwa 40 % der vorhandenen Stellplätze entfallen. Positiv blickt Vorfahrt Vernunft auf neu geschaffenen 11 Ladezonen entlang der Allee.

Neben den Zeitverlusten für Unternehmen, führt ein geminderter Verkehrsfluss auch zu höheren Emissionen pro zurückgelegtem Kilometer. Dies gilt gleichermaßen für potenzielle längere Ausweichrouten, die Unternehmen nutzen könnten, um einen möglichen Stau auf der Adenauerallee zu umfahren.

Neben dem Wirtschaftsverkehr sind auch pendelnde Fachkräfte der Unternehmen möglicherweise von dem beeinträchtigten Verkehrsfluss betroffen. Der tägliche Zeitaufwand, um den Arbeitsort zu erreichen kanns ich dadurch erhöhen, was sich nachteilig auf die Attraktivität des Arbeitgebers auswirken könnte. Hierdurch erleiden Teile des Bonners Wirtschaftsraums einen Standortnachteil.

Das sagen die Betroffenen

Wir brauchen eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Politik und allen Beteiligten.

Bernd Rott

Stadtbrotbäcker Rott GmbH, Bonn

Als Vertreter des Handwerks fordere ich, dass unsere Stimmen gehört werden. Wir benötigen angemessene Parkmöglichkeiten vor Ort, um effizient arbeiten zu können. In den letzten Gesprächen mit der Stadt wurde die Möglichkeit eingeräumt, mehr Wirtschaftsparkplätze zu schaffen, jedoch ist die aktuelle Anzahl nicht ausreichend. Es bedarf weiterer Maßnahmen, um die Attraktivität der Innenstadt zu steigern und sicherzustellen, dass Kunden gerne vor Ort einkaufen. Die Politik muss mehr tun, um diese Bedürfnisse zu erfüllen und ein positives Umfeld für Unternehmen und Kunden zu schaffen, denn Bonn ist eine absolut lebenswerte Stadt.

Baustellen müssen sein, warum alle auf einmal?

Roger Eggemann 

Spedition Mathias Düren  

Ich bin sehr oft für unsere Spedition im Bonner Raum und im Rhein-Sieg-Kreis unterwegs – zumindest versuche ich es. Mittlerweile fahre ich morgens viel früher los als sonst, um einigermaßen pünktlich bei unseren Kunden anzukommen. Im Stau auf der A562 stehe ich täglich. Die vielen Baustellen in Bonn sind der absolute Wahnsinn. Mit dem Lkw kommen wir da kaum durch, so dass wir fast nur noch mit dem Kleintransporter ausliefern. Dadurch sind dann aber zusätzliche Fahrten notwendig.

Weniger Ladezonen bringen nichts. Erst recht keine Getränke!

Michael Küster

Getränkeservice Vendel 

Wir sind mit unserem Getränke-Lieferservice täglich in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis unterwegs. Die Fahrt mit dem Transporter und Lkw ist ein wichtiger Bestandteil unseres Berufs. Nicht nur, dass wir durch den ewigen Stau und die vielen Baustellen viel zu spät bei unseren Kunden ankommen. Auch die nicht vorhandenen Ladezonen erschweren die Anlieferung extrem. Oft werde ich aufgefordert, wegzufahren, auch wenn ich gerade 30 Kästen ausladen muss. Besonders in der Maxstraße, in der Kölnstraße oder der Bornheimer Straße ist es schlimm. Aber auch in vielen anderen Straßen.

Unsere Kunden kommen 30 bis 40 Minuten zu spät, weil sie im Stau stecken!

Belgin Özdemir

Friseursalon Belgin Özdemir

Meistens ist das so, dass die Kunden zu ihren Terminen mehr als 30-40 Minuten zu spät kommen, weil sie zu lange im Stau stecken. Nachmittags nach Bonn reinzufahren ist einfach nicht möglich. Bonn hat viel mehr zu bieten als das Verkehrschaos. Deswegen sollten wir in die Richtung, dass Bonn für alle attraktiv bleibt. Dass die Leute zu uns wollen, nicht woanders hin. Klar muss sich etwas ändern. Auch Radwege brauchen wir, auch Fußgängerbereiche und auch frische und saubere Luft – aber es muss durchdacht sein.

Die täglichen Staus sind für mich Arbeitszeit, die keiner bezahlt.

Michael Linde 

Zimmerei Linde 

Ich bin täglich zu unseren Kunden unterwegs, oft mit schwerem Gerät. Ein reibungsloser Verkehr wäre toll, ist aber leider nie möglich. Die vielen Staus in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis verursachen nicht nur zeitliche Probleme, sondern auch höhere Fahrt- und Logistikkosten, die wir am Ende auf den Kunden umlegen müssen. Ich überlege mittlerweile schon, ob ich überhaupt noch Kundschaft in Richtung Meckenheim annehmen soll, weil der Verkehr dorthin eine einzige Katastrophe ist. Das größte Problem ist in meinen Augen die schlechte Koordination aller Baumaßnahmen.

Wir brauchen in Bonn ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen allen Verkehrsteilnehmern.

Thomas Radermacher

Kreishandwerksmeister Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg

Die Kampagne Vorfahrt Vernunft steht dafür, die Verkehrswende mit Vernunft und Blick für die Realitäten durchzuführen. Das Auto ist und bleibt ein unverzichtbares Verkehrsmittel, insbesondere für unsere Unternehmen und wir brauchen ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen allen Verkehrsteilnehmern. Es ist furchtbar nervig, nach Bonn zu fahren und täglich viel Zeit damit zu verbringen, im Stau zu stehen. Wir verschwenden jeden Tag 2-3 Stunden pro Mitarbeiter im Stau. Das ist nicht nur lästig, sondern auch teuer.

Nicht parken können und dazu der Bonner Verkehr – echte Pflegefälle.

Katharina Kierat 

Bonner Pflegedienst 

Ohne die Fahrt mit dem Auto ist meine Arbeit unmöglich. Ich bin täglich mit dem Fahrzeug unterwegs, um mich um meine Pflegebedürftigen zu kümmern. Pflege passiert an 365 Tagen im Jahr. Es ist fast unmöglich, die ohnehin schon viel zu kurz bemessene Zeit für die Pflege zu nutzen. Selbst ein Kurzbesuch zur Verabreichung von Medikamenten oder für eine Insulinspritze wird zum Problem. Auch hierfür muss ich mein Auto irgendwo legal abstellen können. Und um beim nächsten Patienten halbwegs pünktlich zu erscheinen, muss ich mich wieder beeilen, und der Stress geht wieder von vorne los. Ich versorge Menschen, die sich auf mich verlassen müssen. Die Verkehrslage macht dies nahezu unmöglich.

Unsere Forderungen:

  • Vorrangroutennetz für motorisierten Verkehr

    Die Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs an die Straße sollten in den weiteren Planungen berücksichtigt werden. Eine Stärkung der wichtigen Verbindungsachsen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung wird benötigt, hierfür sind bereits vorhandene Bundesstraßen prädestiniert. Es sollte ein Vorrangroutennetz für den motorisierten Verkehr geschaffen werden.

  • Vorhandene Vorrangstraßen für Fahrräder stärken

    In den vergangenen Jahren wurden bereits zwei zur Adenauerallee parallel verlaufende Vorrangrouten für Fahrräder eingerichtet. Diese verlaufen über die Kaiserstraße und das Rheinufer. Auf dieser Achse sind bereits leistungsfähige Fahrradverbindungen vorhanden. Diese sollten ausgebaut und stärker zur Nutzung empfohlen werden.

  • Versuch transparent gestalten

    Die Bundesstadt Bonn sollte den Verkehrsversuch transparent gestalten und alle Vorgaben, Anforderungen, Erfolgskriterien und Messungen, die im Rahmen des Versuchs stattfinden offenlegen. Ein ähnlicher Ablauf wie beim Verkehrsversuch auf dem Hermann-Wandersleb-Ring sollte vermeiden werden.

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Bonn, es ist Zeit, die Initiative zu ergreifen und für Vernunft im Verkehr zu sorgen. Staus, Baustellen, Verzögerungen und Parkplatzprobleme – diese täglichen Herausforderungen kennen wir alle. Seien Sie ein Teil der Veränderung und Gestalten Sie aktiv mit. Laden Sie Bilder von Ihren täglichen Herausforderungen im Verkehr auf unserer Webseite hoch. Machen Sie das Problem sichtbar. Unser Ziel ist es, die Verkehrssituation für Unternehmen vor Ort zu verbessern. Unser Ansatz: gute Verkehrspolitik wird am besten dialogorientiert und ideologiefrei gemacht. Nehmen Sie jetzt aktiv an der Gestaltung unserer Verkehrszukunft teil.

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